Kolumne – LAG Tanz
Auf Manipulation in den sozialen Medien hinzuweisen sowie demokratische Prozesse, eine konstruktive Streitkultur und kritisches Denken durch interaktives Sprech- und Tanztheater zu stärken – das ist sicherlich kein einfaches Unterfangen. So aber das Anliegen der Performance „TakTik“ (namentlich angelehnt an TikTok) des TanztheaterMobil von CulturBazar e.V. An einem Dienstag im November 2025 besuchten wir in Alsdorf als Jugendredaktionsgruppe zusammen mit etwa achtzig Neuntklässler*innen die Aufführung, die thematisch in Verbindung mit den Kinderrechten auf freie Meinungsäußerung und Medienzugang steht.
Durch das Publikum soll bei „TakTik“ eine neue Schulleitung gewählt werden: Die junge Frau Schmitz mit Glitzerjacke und Locken, der sportliche Herr Breitschneider mit breitem Lächeln und die akademisch wirkende Frau Vasilankis im gelben Blazer stehen als Kandidat*innen zur Wahl. Die Darsteller*innen haben noch kein Wort geäußert, da grölen die Jungs hinter mir bereits: „Dieser Mann da!“. Man gewinnt den Eindruck, das Patriarchat spielt mit. Wie wir später in einem Interview erfahren, finden männlich gelesene Schüler Herrn Breitschneider wohl meistens gut.
Zwischen der Selbstinszenierung der Kandidat*innen, der Publikumsansprache („Ihr seid die Zukunft!“), hitzigem Schlagabtausch, der Forderung nach digitaleren Schulen und kurzen Tanzeinlagen werden die Zuschauenden zu Mitmachaktionen bewegt – wie der Produktion eines Tanzreels. Ich sehe nach allgemeinem Zögern vor allem die betreuenden Erwachsenen „tanzen“. Anders sieht es aus, als die Jugendlichen aufgefordert werden, neue Wunschfächer zu äußern – hier mangelt es nicht an Ideen.
Sukzessive kristallisieren sich die Werte der Bewerber*innen heraus, und es fällt auf, wie rechtsnah sich die jüngste Kandidatin, Frau Schmitz, gibt. Die beiden anderen Bewerber*innen versuchen gegenzuhalten. Auch nach beendeter Aufführung ist mir allerdings nicht klar, ob die Schauspielenden hinreichend darauf vorbereitet wären, sollte das Publikum tatsächlich mit Frau Schmitz sympathisieren. Was würde das Stück, das Demokratie ja stärken soll, in einem solchen Fall vermitteln? Die anschließende Nachfrage ergab, dass bei einer vorherrschenden demokratiefeindlichen Haltung diese in den nachfolgenden Workshops vertiefend aufgegriffen werden würde.
Ich hake im Verlauf von „TakTik“ auf meiner imaginären Bingokarte „Lügenpresse“, „Mainstreammedien“, „Manipulation“ und „Angstmacherei“ ab. Auch aus politischen Kontexten bekannte Sätze wie „Sie verdrehen doch alles!“ und „Lasst euch nicht manipulieren!“ fallen. Vor der endgültigen Abstimmung sollen die Schüler*innen, aufgeteilt in drei Gruppen, einen Sprechchor bilden: „Wir sollen niemandem folgen!“, „Wir sollen selbstständig denken!“ und „Wir sind alle verschieden!“ sind die vorgegebenen Inhalte. Vielleicht erkennt das Publikum die Ironie, denn nur die dritte Gruppe erreicht eine beachtliche Lautstärke.
Letztendlich wird Herr Breitschneider zur Schulleitung gewählt. An die Aufführung schließt sich eine moderierte Diskussion zur Wirkung von Manipulation und zum Einfluss sozialer Medien auf demokratische Prozesse an, und vier vertiefende Workshops finden statt.
Die Performance und die später geführten Interviews machen deutlich: Themen der Medienpädagogik benötigen mehr Raum in schulischen Kontexten. Zudem wirkt politische Bildung oft primär im Kopf und muss auch körperlich, das heißt über ein In-Resonanz-Treten, erfahrbar werden. Dass „TakTik“ die Jugendlichen in der Tat emotional erreicht, ist ersichtlich: Einige der befragten Schüler*innen sind von der Kreativität des Stücks begeistert, andere von den Mitmach- und Tanzaktionen peinlich berührt. Auch wird uns von erlebter Manipulation im Freundeskreis, in der Familie oder eben im Internet berichtet.
Bis zum Schluss finde ich es aber schwierig zu bewerten, ob das Stück durch seine Interaktivität tatsächlich eine kritische Reflexion anregen kann. Denn jene Interviewpartner*innen, die sich reflektiert zu Manipulation in und durch Medien äußern und beispielsweise das Fälschen von Statistiken oder das Verbreiten von Fake News als Problem benennen, scheinen das Thema bereits im Vorhinein überdacht zu haben. Was noch auf dem Schulhof und in den Klassenräumen an angeregter Reflexion geschieht, können wir allerdings nicht einsehen. Dass das Thema in Form einer Aufführung aufgegriffen wird, ist an sich sicherlich gewinnbringend.
Schlussendlich bleibt für mich aber die Frage nach dem Lebensweltbezug offen: Wie sollen Schüler*innen Demokratie lernen, wenn es in den Schulstrukturen kaum Möglichkeiten zur Mitbestimmung gibt? Fühlen sie sich nicht betrogen, wenn sie im Rahmen Kultureller Bildung an partizipativen Strukturen teilhaben und später in ein starres Schulsystem zurückgeschickt werden? Das Recht auf Meinungsfreiheit bedeutet auch, dass zugehört und ernst genommen werden muss – insbesondere im Kontext Schule. Bildungsinstitutionen stehen dabei in der Verantwortung, entsprechende Freiräume für Partizipation, Medienkompetenz und Demokratielernen zu schaffen.
Eine Kolumne von Pia Sophie Jennert
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