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Kolumne – LAG Spiel und Theater

Wenn Menschen laut werden, wo sonst nur Schweigen herrscht. Das Gebäude liegt unscheinbar in einem Hinterhof in der Bielefelder Innenstadt. Von außen nichts, was darauf hindeutet, was drinnen passiert. Keine Leuchtschrift, kein großes Schild. Und doch werden wir, kaum dass wir die Tür öffnen, an den Küchentisch gebeten. Es gibt Frühstück, Gespräche, eine kurze Haustour. Eine familiäre Atmosphäre, die sofort Vertrauen schafft.

Man merkt recht schnell: Das hier ist kein gewöhnlicher Probenraum. Neun Jugendliche und junge Erwachsene arbeiten hier an einem Theaterstück. Alle von ihnen haben Krieg erlebt, Flucht, Neuanfang. Und doch geht es in diesem Projekt nicht darum, ihre Geschichten bloß nachzuerzählen. Es geht um etwas anderes: um ihre Stimme, oder genauer gesagt um ihre Nicht-Stimme in einer Gesellschaft, die oft über sie spricht, aber selten mit ihnen. Um ein Auftreten, das fast automatisch mit Vorurteilen belegt wird. Geleitet wird der Prozess von Canip Gündoğdu.

In unserem Gespräch beschreibt er die Entstehung des Stücks wie eine gemeinsame Forschung. Am Anfang stehen Assoziationen, Mindmaps, Worte, die getanzt, gelesen, geschrieben werden. Daraus entwickeln sich Szenen, Texte, Bewegungen. Fehler sind erlaubt, Scheitern gehört dazu. Verantwortung zu übernehmen, für sich selbst, für die Gruppe, für den Prozess, ist zentral. Erst daraus entsteht Vertrauen. Und mit Vertrauen ein Raum, in dem Ehrlichkeit möglich wird. Die Projektleitung liegt bei Yeva Liava. Yeva lebt seit 2022 in Deutschland, kommt aus der Ukraine, schauspielert und hat die ursprüngliche Idee für das Theaterstück initiiert. Der Fokus des Projekts verschiebt sich schnell: weg vom Opferbild, hin zu Haltung und Stärke. Empowerment statt Zuschreibung.

Unterschiedliche Kriegserfahrungen treffen aufeinander, ohne verglichen zu werden. Alle Lebensrealitäten werden anerkannt, niemand blickt auf andere herab. Der Titel des Stücks lautet „In lauter Stille“. Er steht für all das, was nicht ausgesprochen wird, obwohl es dringend gesagt werden müsste. Partizipatives Theater wird hier zu einem demokratischen Raum. Demokratie ist nicht nur Thema, sondern Praxis: in Diskussionen, in der Stückentwicklung, im Team. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, Kritik darf geäußert werden, ohne Angst.

Viele Teilnehmende erzählen von schwierigen Momenten während der Proben. Von Phasen, in denen sie fast aufgegeben hätten. Die dauerhafte Konfrontation mit Krieg, Trauma und schweren Texten in einer Sprache, die noch nicht vertraut ist, ist belastend.

Und doch öffnet Theater Türen: zu anderen Menschen, zu sich selbst. Canip motiviert, unterstützt, vereinfacht Texte, wenn es nötig ist. Niemand wird zurückgelassen.

Beim ersten Mal auf der Bühne ist da Stress, Aufregung, Zittern. Doch dann: Freiheit. Theater macht sichtbar, was viele Menschen nicht sehen wollen: die Probleme von Menschen mit Kriegserfahrung oder Migrationsgeschichte. Auf der Bühne bekommen sie Körper, Stimme und Bewegung. Sie werden zugänglich. Es wird über Politik gesprochen, über deutsche Geschehnisse, über Aussagen von Friedrich Merz und seine sogenannte „Stadtbildproblematik“, die vage Formulierung, dass bestimmte Menschen das Stadtbild „stören“ und hier nicht hingehören würden.

Für die Jugendlichen, die selbst Krieg, Flucht und Neuanfang erlebt haben, sind solche Worte nicht abstrakt: Sie treffen sie direkt. Sie fühlen Enttäuschung, Wut, das stille Gewicht von Vorurteilen, die ihnen immer wieder zugeschrieben werden. Diese Erfahrungen fließen in Texte, Diskussionen und eine Tanzchoreografie ein. „In lauter Stille“ steht für all das, was gesellschaftlich verschwiegen, klein- oder unsichtbar gemacht wird und hier bewusst ausgesprochen, gefühlt und zur Sprache gebracht wird. Was bleibt, sind intensive Gespräche, starke Persönlichkeiten und ein extrem vertraulicher Raum.

Manche der Jugendlichen träumen davon, professionell zu schauspielern, einer schon seit frühester Kindheit. Wir gehen beeindruckt aus den Interviews hinaus. Nicht nur wegen des Stücks, sondern wegen der Menschen. Vielleicht ist das die größte Stärke dieses Projekts: Dass in einem unscheinbaren Hinterhof ein Ort entsteht, an dem Menschen laut sein dürfen. Wo Stille benannt wird. Und wo eine Stimme nicht nur gehört, sondern ernst genommen wird.

Kolumne von Sarah Nölke

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