Kolumne – LAG Zirkuspädagogik
Zirkus-Jugend-Forum 2026: „Feuer für Zusammenarbeit – Flamme für circensisches Miteinander“
Bunte Hula-Hoop-Reifen hier, Kisten mit Flammenemblem dort und da liegt auch noch ein Einrad auf dem Boden – schon auf den ersten Blick ist klar, heute ist der Zirkus ins Dortmunder Fritz-Henßler-Haus eingekehrt. Und mehr noch: An diesem Wochenende Anfang März hat der ansässige Zirkus Fritzantio seine „Manege“ für das Zirkus-Jugend-Forum 2026 geöffnet.
Unter dem Motto „Feuer für Zusammenarbeit – Flamme für circensisches Miteinander“ sind zum zweiten Mal in dieser Form Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz NRW zusammengekommen, um sich über ihre gemeinsame Passion auszutauschen: Den Zirkus und die zirkuspädagogische Arbeit. Die jungen Menschen sind Teilnehmer*innen und/oder Trainer*innen und verbringen drei volle Tage zusammen, um über Partizipation im Zirkus zu diskutieren und ein solches Miteinander auch aktiv zu gestalten.
Das Zirkus-Jugend-Forum möchte in seiner Anlage und Konzeption dabei selbst bestes Beispiel für gelungene und gelingende Mitbestimmung sein: Das Programm ist bunt und die Teilnahme an den Workshops stets freiwillig. Zwischendurch ist immer Raum für selbstbestimmtes „Chillen und Gammeln“ und der Abend dem freien Training vorbehalten. Häufig werden zudem mehrere Workshops parallel angeboten, damit die Teilnehmenden individuell, ihren Präferenzen und Interessen entsprechend, aus verschiedenen Disziplinen wählen können. Mitunter kommt es dann aber auch dazu, dass die Gruppe sich einstimmig entscheidet: Nach der Mittagspause am Samstag möchten sich so alle lieber auf die Trapeze schwingen und an den Tüchern versuchen als zu jonglieren – und das ist vollkommen in Ordnung.
Zirkus und Mitbestimmung, Mitbestimmung und Zirkus: Das lässt sich nicht trennen, das greift Hand in Hand. Darin sind sich die Interview-Partner*innen von inter:esse einig. Wir dürfen bei unserem Besuch mit den Teilnehmerinnen Marlena, Katrin und Merle sowie den Workshopleiter*innen Steffi Gross und Jens Fissenewert sprechen; ebenso steht uns Jenny Riep, die für die Organisation des Zirkus-Jugend-Forums mitverantwortlich ist, Rede und Antwort. Ihre Disziplinen sind Akrobatik, Trapez und Jonglage, Minitrampolin und Hulla-Hoop. Sie zeigen und erzählen uns, wie vielfältig der Zirkus ist, und berichten, dass aus dieser Vielfalt schon die Jüngsten eigenständig wählen können. Hier können Kinder und Jugendliche herausfinden, was ihnen am meisten liegt, und für sich selbst entscheiden. Ebenso bestimmen Teilnehmer*innen bei der Show- und Nummerngestaltung über Themen, Kostüme und Lieder. Ihre Wahl wird ernstgenommen und unterstützt, selbst wenn sie dem persönlichen Geschmack der Leitung widerspricht. Durch diese Art der Beteiligung und Selbstwertstärkung hat so auch Jenny Riep im und durch den Zirkus früh erleben dürfen: „Ich habe eine Meinung, ich darf sie nennen. Hier werde ich gehört.“
Neben seiner Offenheit, die den Zirkus zu einem freien und kreativen Space macht, einem Experimentierraum, in dem immer wieder etwas Neues entdeckt und ausprobiert werden kann, spielen gleichzeitig auch Grenzen eine entscheidende Rolle. Das Wahrnehmen und Kommunizieren von Grenzen sind bei der circensischen Zusammenarbeit, bei der mensch sich gegenseitig auch wortwörtlich Halt geben muss, essentiell. Beim Zirkus-Jugend-Forum selbst ist Steffi Gross deshalb über ihre Workshopleitung hinaus verantwortlich für Awareness: Das Forum soll für alle Beteiligten ein safer space sein, mit Rückzugsräumen und geschulten Ansprechpersonen, falls sich jemensch einmal unwohl fühlt. Und generell ist der Zirkus für Teilnehmerin Merle „eine mental gute Atmosphäre, wo Menschen aufeinander achten.“
Eine Atmosphäre, in der Freundschaft und Gemeinschaft entstehen. Im Zirkus lernt mensch, aufeinander zuzugehen und kreativ zusammenzuarbeiten, selbst wenn mensch nicht auf derselben Wellenlänge schwingt. Ein besonderer Moment des Miteinanders beim Zirkus-Jugend-Forum war so auch der erste Workshop, in dem alle zusammen eine Nummer improvisiert, einen Gedankenwirbel dargestellt und einander dadurch kennengelernt haben.
Während in Zirkus also „viel Demokratie drinsteckt“ und ein demokratisches Grundverständnis vielfach so selbstverständlich ist, dass es häufig als solches gar nicht expliziert wird, gibt es Konfliktpotenzial mit anderen Räumen. Zum Beispiel, wenn Schule nicht das gleiche Maß an freier Meinungsäußerung bietet. Ebenso kann durch den Mangel an Zeit, die 8-Stunde-Tage und vollen Terminkalender vieler Kinder und Jugendlichen das Bewusstsein und Einsetzen für die demokratischen Rechte junger Menschen oft untergehen. Dies zeigt sich auch beim Zirkus-Jugend-Forum: Die Teilnehmer*innenanzahl ist dieses Mal geringer ausgefallen als erwartet und erhofft. Desinteresse ist nicht der Grund. Ein Problem ist vielmehr, dass das Forum genau zur Zeit der Vorabi-Klausuren stattfindet. Dies kommt im sogenannten aula-Workshop, der die Diskussion über Demokratie in den Fokus setzt, zur Sprache. „Eigentlich habe ich auch gar keine Zeit, hier zu sein“, heißt es einmal in der Runde und zustimmendes Nicken ist die Antwort. Aber: Trotz der zeitlichen Engpässe sind hier engagierte junge Menschen zusammengekommen und wünschen sich mehr statt weniger: Dass das Zirkus-Jugend-Forum in Zukunft halbjährlich stattfinden könnte, ist so etwa ein Vorschlag.
Mehr vom Forum, mehr vom Zirkus, mehr von seinem Miteinander, seiner Offenheit und seiner Freude am Spiel – das könnte eigentlich die ganze Gesellschaft gebrauchen.
Eine Kolumne von Bernadette Hagen
Beteiligte Landesarbeitsgemeinschaften
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